Ölmühle "Auch die Ölmühle ist längst eingegangen,
doch wird die Spur davon solange unverloescht bleiben,
als die Gegend ihren jetzigen Namen daher führt."
(J. L. von Heß, 1811: 48)
Mit der folgenden Darstellung möchte ich einen kurzen Überblick über einige Stationen in der Geschichte eines kleinen Teiles des Karolinenviertels, des Ölmühlenplatzes, geben. Ich werde dabei sicher einige Dinge aus meiner persönlichen Sicht darstellen und Schwerpunkte setzen, die einerseits durch die Quellenlage beeinflußt werden, andererseits aber auch einer persönlichen und damit subjektiven Wertung entspringen. Daher würde ich mich über Kritik und Ergänzungen, besonders von den langjährigen EinwohnerInnen des Viertels, freuen.

Abb. 1: Plan des Ölmühlenplatzes im Sommer 1995 (Projektplanung)

Der Platz, von dem hier die Rede sein soll, ist wahrscheinlich allen EinwohnerInnen des Karolinenviertels bekannt, einerseits aus den vergangenen Jahrzehnten als Parkplatz, andererseits wegen der aktuellen Bestrebungen, ihn zu einem begrünten Platz für alle BewohnerInnen des Viertels umzugestalten. Die Planungen und Vorgespräche, die dieser Begrünung zugrunde liegen, haben mich dazu bewogen, einige Nachforschungen zur Geschichte dieses Platzes anzustellen, der sich heute als "staubige Müllhalde" zwischen dem Marktweg als östlicher, der Ölmühlenstraße als südlicher und der Marktstraße als westlicher und nördlicher Begrenzung erstreckt.

Meine Nachforschungen stützen sich auf die Bestände der Bauprüfabteilung und des Katasteramtes des Bezirkes Hamburg Mitte, des Hamburgisches Staatsarchives, des Museums für Hamburgische Geschichte und des St.Pauli-Archivs. Es handelt sich dabei um Archivalien, Pläne und gedruckte Quellen und Darstellungen der Stadt (-teil)-Geschichte. (Ein genauerer Literaturnachweis befindet sich im Anhang.)

Im Katasteramt des Bezirkes Hamburg-Mitte hatte ich die Gelegenheit, Einsicht in historische Katasterpläne (Straßen- und Grundstücksakten) aus der Zeit zwischen 1823 und 1951 zu nehmen. Dieser Zeitrahmen umreißt auch bereits die wichtigsten Epochen und Entwicklungsschritte zum heutigen Ölmühlenplatz als derzeit "ungenutzter" Freifläche in einem ansonsten bekanntlich dichtbebauten Viertel. Hinzu kamen die Karten der «Vorstadt Hamburger Berg» bzw. der «Vorstadt St. Pauli» aus den Jahren 1772, 1822, 1825, 1836, 1845 und 1869 und die Serien topographischer Karten zu «St.Pauli» und zum «Heiligen Geist Feld» und seiner Umgebung in den Maßstäben 1:1000 und 1:4000 aus den Jahren 1883-1903, die sich ebenfalls im der Plankammer des Staatsarchives befinden, sowie Kopien weiterer Karten, die mir vom St.Pauli-Archiv zur Verfügung gestellt wurden. Daneben konnte ich im Staatsarchiv verschiedene Bestandskataloge (Senatsaktenkatalog, Patronat St. Pauli) und Publikationen einsehen (Quellennachweise befinden sich ebenfalls im Anhang).

Seinen Namen erhielt der Platz von der südlich an ihm vorbeiführenden Straße, die ihre Bezeichnung ihrerseits von einer Ölmühle ableitet, die ursprünglich auf dem nördlich anschließenden Gebiet in Richtung des heutigen Sternschanzen-Bahnhofes lag. In der 'Historische[n] Topographie' von W. Melhop aus dem Jahre 1925 heißt es hierzu:

"ÖLMÜHLE, früher "bei der Ölmühle". In dieser Gegend hat nach Nm. Tp. S. 341, um 1633 eine Ölmühle gestanden, die 1686 zur Sicherung der Sternschanze beseitigt wurde."

Die dem 1625 fertiggestellten neuen Wallring, der Alt- und Neustadt umschloß, westlich vorgelagerte Sternschanzenbastion auf dem "Heidberg" wurde i n den Jahren 1682/83 nach Entwürfen des schwedischen Militäringenieurs Jacob von Kemphe und des "Conducteurs des Festungsdepartements" Hinrich Schade errichtet und bewährte sich bereits 1686 bei der Abwehr der Belagerung Hamburgs durch den dänischen König Christian VI. Im Zuge dieser Ereignisse scheint auch die Ölmühle abgebrochen worden zu sein, um alle Sichthindernisse und Möglichkeiten, sich im Umfeld der Bastion zu verbergen und festzusetzen, zu beseitigen.

Unabhängig davon leitet sich aus der Namensgebung eine erstaunliche historische Kontinuität , die den Ölmühlenplatz zu einem der frühesten topographischen Merkmale des nördlichen St.Pauli überhaupt macht! Und wie das Zitat, das ich meinem Aufsatz vorangestellt habe, zeigt, war den Topographen und Historikern diese Besonderheit bereits zu Beginn des 18. Jahrhunderts bewußt.

Die kartographischen Darstellungen der den Wallanlagen, die 1616-25 unter Leitung des holländischen Festungsbaumeisters Jan van Valckenbourgh errichtet worden waren, westlich vorgelagerten Gegenden beginnt jedoch wesentlich früher: Tatsächlich werden auf einer Karte aus dem Jahre 1696 als wichtige topographische Punkte jedoch nur die Sternschanzen-Bastion, der Rosenhof - ein einzelnes Gehöft südlich der Sternschanze -und der Pesthof genannt, währende der Straßenname "Oelmühle" erst auf einer Karte des Jahres 1803 erstmals wieder erscheint.

Nach E. H. Wichmann hatten die Gebäude der Ölmühle im übrigen, bevor sie abgerissen wurden, noch als Quarantäne-Station für den 1606 gegründeten, weiter südlich gelegenen "Pesthof" gedient. Auf dem Gelände dieses "Pesthofes", eines frühneuzeitlichen Krankenhauses aus dem 17. Jahrhundert, wurde zu Beginn des 19. Jahrhunderts das von dem Bankier Salomon Heine gestiftete renommierte Israelitische Krankenhaus errichtet. Auch diese beiden historischen Tatsachen belegen, daß die Vorstadt Hamburger Berg bzw. St. Pauli schon seit ihrer Entstehung als Ort angesehen wurde, wohin man in der Stadt unerwünschte Einrichtungen verlagerte, die entweder zu laut waren (Ölmühle), unangenehme Gerüche mit sich brachten (wie der Schlachthof oder die Reeperbahnen), viel Platz beanspruchten oder nicht den politischen oder religösen Prinzipien entsprachen, wie das jüdische "Israelitsche Krankenhaus":

  • "Weiter nach Norden, an der Landstraße nach Pinneberg lag der Pesthof. Schon früher hatte Hamburg im Eichholz ein abgelegenes Haus zur Aufnahme der an der Pest Erkrankten errichtet (daher Pesthaus), und in Zeiten, wo die Stadt vor der Epidemie verschont war, benutzte man dasselbe zur Unterbringung von armen Kranken. Als nun aber diese Gegend dichter bebaut wurde, verlegte man 1606 die Anstalt weiter hinaus, nach der Gegend der jetzigen Wilhelminen und Annenstraße, da aber der Platz sehr sumpfig war, er gehörte zu dem Thal des früheren Herwardeshuderbecks, mußte er erst allmählich aufgehöht werden, und man erbaute hier zunächst nur ein Haus zur Aufnahme armer Kranke, während man für die Pestkranken das Quarantainehaus bei der Oehlmühle benutzte, bis auf dem Pesthofe ein besonderes Pesthaus errichtet werden konnte."
  • Die eigentliche Fläche des Ölmühlenplatzes sowie einer westlich anschließenden Fortsetzung in Form eines Dreieckes gehörte um 1800 drei Grundeigentümern bzw. Pächtern etwa zu gleichen Teilen.

    Die früheste mir vorliegende, detaillierte Karte der Gegend nördlich des Heiligengeistfeldes, des heutigen Karolinenviertels also, stammt vom Ende des 18. Jahrhunderts und steht in ihrem Kartenbild noch in frühneuzeitlich-barocker Tradition:

    Abb. 2: "Dieser Plan zeiget ohnweit der Sternschantze ein Platz ... von den Wassergräben abgehent ... (27. Marti Anno 1772)"

    Diese Karte ist noch mit dem Flurnamen "Hamburger Berg" bezeichnet, der damals für die Gegend vor dem Millerntor, für das heutige St. Pauli also, üblich war.

    Nach dem Ende der "Franzosenzeit", d.h. nach der Befreiung der Stadt Hamburg von der französischen Besatzung im Jahre 1815 wurden auf im Gebiet des heutigen Karolinen-Viertels wieder die ersten Gebäude errichtet, denn die gesamte vorherige Bebauung war während der Kämpfe zwischen französischen und hamburgischen Truppen entweder zerstört oder auf Veranlassung des Kommandanten der französischen Besatzngstruppen, Marschall Davout, niedergebrannt worden, um vor den Bastionen der Stadtbefestigung -diese verlief bekanntlich dort, wo sich heute "Planten und Blomen" befindet - freies Schußfeld ("Glacis") zu erhalten. Der systematischen Zerstörung fiel die gesamte Bebauung der «Vorstadt Hamburger Berg» zum Opfer, so daß kein Gebäude im "alten", d.h. hamburgischen Teil St. Paulis aus der Zeit vor 1815 erhalten ist.

    Beim Wiederaufbau wurden nach meiner Kenntnis die Grenzen der Parzellen und Flurstücke, soweit diese schon vermessen und markiert waren, weitgehend beibehalten. Dies gilt auch für die Parzellierung des Ölmühlenplatzes:

    Abb. 2: Plan von 1823 (Kopie nach Unterlagen des Katasteramtes Hamburg Mitte).

    Dieser Plan ist aus verschiedenen Gründen recht interessant. Er zeigt am oberen (nördlichen) Rand des Kartenausschnittes den sog. "Gassenkummerplatz", d.h. die städtische Müllhalde, auf der die in den Straßen St. Paulis und der (Alt- und Neu-) Stadt zusammengetragenen Abfälle deponiert wurden, d.h. auch in dieser Hinsicht hatte das Gebiet des heutigen Karolinenviertels damals schon die Funktion, "in der Stadt Unerwünschtes" aufzunehmen. Dieser Platz war im Jahre 1820 als städtische Müllhalde ausgewiesen worden und wurde auch beibehalten, obwohl es verschiedene Anträge und Eingaben auf Verlegung gab.

    Südlich an diesen Platz anschließend erkennt man "freies Terrain", das aber bereits zur Parzellierung vorgesehen war. Diese geplanten Parzellen werden durch den "Weg vom Schulterblatt nach dem Dammthore" vom Gelände des heutigen Ölmühlenplatzes getrennt. Interessant ist in diesem Zusammenhang außerdem, daß das Holstentor noch nicht existierte, denn der Weg führt "nach dem Dammthore", das sich etwa an der Stelle des heutigen Dammtor-Bahnhofes befand. Es gab also noch keine direkte Verbindung vom Karolinenviertel in die Stadt. Trotzdem bestand offenbar Interesse an den Grundstücken in diesem Gebiet, die teilweise schon namentlich einzelnen Besitzern ("Albers", "Tiedemann") zugeordnet sind.

    Ob bereits eine Bebauung bestand, geht aus diesem Plan nicht eindeutig hervor, ist jedoch bei den namentlich bezeichneten Grundstücken anzunehmen, während die Flurstücke "Nr. 11 bis 17 ... zum Bebauen ausgewiesene Plätze" bilden. Außerdem taucht im Text zu diesem Plan bereits die bis heute namensgebende "Oehlmühle" auf:

  • "Grundriß von einem Theile der Gegend bey der Oehlmühle hinter dem Heiligengeistfelde, ..."
  • Etwa aus der gleichen Zeit stammen die beiden Karten der Jahre 1822 und 1825, die sich im Staatsarchiv befinden:

    Abb. 3: "Grundriß der Gegend außerhalb dem Millern- und Dammthore" (gefertigt von P. G. Heinrich, Ingenieur. 25. Januar 1822.

    Abb. 4: "Togographischer Plan enthaltend Hamburgs Umgebungen zwischen dem Altonaer und Dammthor bis nördlich zum Rosenhofe und Grindel" (gez. I.J.Cramm. 3. Nov. 1825).

    Auf diesem Plan befindet sich der Eintrag "Oelmühle" tatsächlich nördlich des Gebietes des heutigen Ölmühlenplatzes.

    Bereits wenige Jahre später ist die Blockrand-Bebauung auf dem Ölmühlenplatz schon fast vollständig geschlossen. Lediglich am Nordrand sowie an der Ostseite und der südöstlichen Ecke gibt es noch unbebaute Grundstücke. Der Innenbereich des Blocks scheint hingegen noch nicht bebaut zu sein, wie aus einem Plan des Jahres 1836 hervorgeht:

    Abb. 5: "Grundriss der Vorstadt von Hamburg St. Pauli; hrsg. von dem Stadt Ingénieur P. G. Heinrich, 1836."

    Der nächste mir vorliegende Plan dokumentiert den Stand gegen Ende des Jahres 1840: Für den Weg zum o.g. "Gassenkummerplatz" hat sich offenbar inzwischen die naheliegende Bezeichnung "Gassenkummerweg" auch 'behördlich' durchgesetzt:

    Abb. 6: Plan von 1840 (Kopie nach Unterlagen des Katasteramtes Hamburg Mitte).

    Hier taucht erstmals - wahrscheinlich später hinzugefügt, wie die von der klassischen Kanzlei-(Druck-)schrift abweichende Handschrift vermuten läßt - die Bezeichnung "Marktstrasse" auf. Zudem besagt der Text, daß das westlich (auf dem Plan links) vom Ölmühlenplatz gelegene kleine Grundstück (im Plan mit "A" bezeichnet) "... zur Erbauung eines Spritzenhauses überlassen..." wurde ... und dies - ganz 'un-hamburgisch' unentgeltlich, wie es scheint. Der Plan von 1823 enthielt hingegen auf einer Fläche im südwestlichen Teil des bereits parzellierten Platzes (Flurstück Nr. 15) die Eintragung einer kleinen quadratischen Fläche in blauer Farbe, die möglicherweise einen Löschteich oder eine andere Wasserfläche darstellt. (Es wäre darum - wie ich finde - durchaus auch historisch berechtigt, bei der Anlage des "neuen Ölmühlenplatzes" wieder Wasser, z.B. einen Teich oder Brunnen in die Planungen einzubeziehen!)

    Leider ist die Quellenlage für die Zeit zwischen 1840 und 1871 in den Unterlagen des Katasteramtes Hamburg-Mitte recht dürftig, obwohl es gerade in diesen Jahrzehnten zu großen wirtschaftlichen, sozialen und städtebaulichen Veränderungen und Entwicklungen gekommen ist. Der große Hamburger Brand im Jahre 1842, bei dem ein großer Teil der mittelalterlichen und barocken Hamburger Altstadt vernichtet wurde, führte u.a. dazu, daß auch im Gebiet des Karolinenviertel Notunterkünfte für die Obdachlosen errichtet wurden. Die letzten noch existierenden Gebäude aus dieser Zeit stellen die eingeschossigen Terrassenhäuser der sog. 'Budenreihe' in der Marktstraße 8 dar.

    Glücklicherweise besitzt das Staatsarchiv eine Karte aus dem Jahre 1845, die die weitere Entwicklung der Vorstadt St. Pauli dokumentiert:

    Abb. 7: "Grundriss der Vorstadt von Hamburg St. Pauli 1845"

    Auf diesem Plan ist zu erkennen, daß die Bebauung am Nordrand des Ölmühlenplatzes inzwischen geschlossen ist und auch die gegenüberliegende nördliche Seite der Marktstraße durchgehend bebaut ist, während an der Ostseite des Platzes und an der Südostecke noch einzelne Grundstücke unbebaut sind. - Wahrscheinlich handelt es sich bei den Häuser dieser Zeit um Gebäude, die in der klassischen zweigeschossigen Bauweise des Sahlhauses errichtet worden waren. Diese Häuser hatten an der Vorderfront drei Türen: Die rechte und die linke führten direkt in die Erdgeschoßwohnungen, während man durch die mittlere die Treppe zu den Wohnungen im ersten Stockwerk erreichte. Diese Hausform war - wahrscheinlich durch einfache "Aufstockung" aus den eingeschossigen Budenreihen hervorgegangen. Eines der letzten Häuser dieses Bautypus im Karolinenviertel befindet sich heute noch in der Marktstraße Nr. 4.

    In den folgenden Jahrzehnten, insbesondere nachdem mit der Einrichtung des Holstentores im Jahre 1859 ein weiterer Durchgang durch den Wallring geöffnet worden war, werden einerseits die 'gutbürgerlichen' Etagenhäuser, d.h. auch viele der Vorderhäuser u.a. an der Carolinen-, der Markt- und der Glashüttenstrasse, andererseits die zahl-reichen, meist engen 'Terrassen' auf den ehemaligen langgestreckten Gartengrundstücken im Inneren der nun oft bereits durch eine vollständige Randbebauung geschlossenen Blöcke errichtet. Für das Gebiet des Ölmühlenplatzes sind solche Terrassen jedoch nicht nachweisbar, da dazu die vorhandenen Grundstücke zu kurz waren, während offenbar zumindest auf einigen Grundstücken Hinterhäuser bzw. Anbauten existierten. Darauf deutet ein - leider nicht datierter - Plan hin, der vermutlich aus den 1870-Jahren stammt. Auf diesem Plan geht die "Markt-Strasse" auf Höhe der "Stern-Strasse" noch direkt in die Straße "Neuer Kamp" über, von der die "Feldstrasse" abzweigt und nördlich am "Heiligengeist Feld" vorbeiführt.

    Wahrscheinlich sind zudem auch auf dem Gebiet des heutigen Ölmühlenplatzes ab ca. 1870/80 die niedrigeren Vorderhäuser der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts abgebrochen und durch 4-5 geschossige Etagenhäuser ersetzt worden, in denen Handwerker und Angestellte wohnten, die sich höhere Mieten als die Arbeiter leisten konnten. Andererseits konnten es sich nach der Aufhebung der Torsperre 1860/61 nun auch die einfachen Arbeiter erlauben, außerhalb des Wallringes zu wohnen und täglich in die Innere Stadt zu "pendeln", da nun für das nächtliche Passieren der Tore keine Gebühr mehr entrichtet werden mußte.

    Auf einem Plan des Jahres 1869 erkennt man bereits, daß die Blockrandbebauung des Ölmühlenplatzes nun nahezu geschlossen ist (außer einem einzelnen Grundstück an seinem südlichen Rand), während die Grundstücke im Innenbereich noch freigeblieben sind. Aus einer Karte des Lindley'schen Sielnetzes von ca. 1865, die sich im Museum für Hamburgische Geschichte befindet (siehe Abb. XX in Bröcker, xxxx) geht zudem hervor, daß die Häuser am Ölmühlenplatz bereits einen Kanalisationsanschluß besessen haben müssen.

    Abb. 9: "Umgebung des Heiligengeistfeldes" (Plan des Jahres 1869)

    Die Marktstraße bildet auf diesem Plan die Verbindung vom Neuen Pferdemarkt über die Straße Neuer Kamp zu der Straße "Bei den Kirchhöfen", die damals das Gebiet des heutigen Messegeländes durchquerte, das von den Friedhöfen der innerstädtischen Kirchengemeinden eingenommen wurde.

    Abb. 8: Plan von 1891 (Kopie nach Unterlagen des Katasteramtes Hamburg Mitte).

    Der Ölmühlenplatz ist in den vergangenen beiden Jahrzehnten offenbar, wie wohl bereits seit Anfang des 19. Jahrhunderts geplant, vollständig bebaut worden. Der Plan von 1891 enthält bereits alle heute noch gebräuchlichen Straßennamen, wobei die anscheinend noch unbefestigte Straße westlich des Blockes, die heute einen Teil der Marktstraße bildet, noch den Namen Müllergang, der sich entweder noch auf die Ölmühle oder aber auf die Windmühle an der nordwestlichen Ecke des Heiligengeistfeldes bezieht, trägt. Dieser noch als "Müllergang" bezeichnete südwestliche Teil der heutigen Marktstraße scheint im Jahre 1891 bereits eine Abgrenzung des inzwischen hier angesiedelten neuen Schlachthofes zu bilden, der jedoch noch nach allen Seiten offen war, denn die heute noch vorhandene Mauer wurde erst Anfang unseres Jahrhunderts errichtet.

    Dieser Straßenname Müllergang wird erst im Jahre 1893 in Marktstraße geändert, nachdem die Eigentümer der angrenzenden Grundstücke bereits seit 1888 auf einen Ausbau dieses Wegestückes gedrängt hatten. Zugleich wurde der alte Straßenverlauf der Marktstraße in westlicher Richtung in den Jahren 1891/92 durch die Erweiterung des Schlachthofes nach Süden abgeschnitten. (Heute ist davon nur noch die als Parkplatz genutzte Sackgasse an der Einmündung der Sternstraße in den Neuen Kamp erhalten.) Als Reaktion darauf gab es zwischen 1897 und 1911 immer wieder Anträge an die Bürgerschaft, an dieser Stelle wieder einen direkten Durchgang zum westlichen Teil des Karolinenviertels zu schaffen, die jedoch allesamt abgelehnt wurden.

    Interessant ist, daß der ehemalige Gassenkummerweg inzwischen in Laeiszstrasse umbenannt wurde, was darauf hinweist, daß das heute nicht mehr existierende Laeisz-Stift an der Stelle des heutigen Schulhofes der Grundschule Laeiszstraße inzwischen an dieser Straße errichtet worden war.

    Die Bebauung des Ölmühlenplatzes scheint zu dieser Zeit sehr dicht und ein wenig unregelmäßig gewesen zu sein:

    Das Gebäude "Bei der Ölmühle" Nr. 23 liegt offenbar nicht direkt an der Straße, sondern ist etwas zurückgesetzt. Möglicherweise hängt dies mit den Besitzverhältnissen und der Bebauung des Grundstückes an der südwestliches Ecke (links unten) des Platzes zusammen, das dem Plan nach im Jahre 1891 eine Einheit bildete, was allem Anschein nach dazu führte, daß das Hinterhaus der Haus-Nr. 22 nur über den freien Platz vor Nr. 23 zugänglich war. Zudem deuten die Abgrenzungen im Blockinneren darauf hin, daß auch hier zumindest - möglicherweise niedrigere - Anbauten, teilweise sicher auch mehrstöckige Hinterhäuser existierten.

    Leider waren keine weiteren Detailpläne der entsprechenden Grundstücke auffindbar, aus denen insbesondere auch die Höhe der Bebauung ablesbar gewesen wäre. Allerdings scheint mir die Annahme berechtigt, daß zumindest die Vorderhäuser in ihrer Höhe den noch heute existierenden Gebäuden an der Marktstraße, Marktweg und an der Ölmühle entsprachen und somit durchschnittlich 5-6 Stockwerke aufwiesen. Dies haben mir auch ältere AnwohnerInnen, die die frühere Bebauung noch aus eigener Anschauung kennen, bestätigt. Diese Informationen berechtigen zugleich zu der Annahme, daß der recht enge Blockinnenraum auf der Fläche des Ölmühlenplatzes sehr dunkel war, ähnlich dem noch heute existierenden kleinen Innenraum des Blockes zwischen Marktstraße, Marktweg, Ölmühle und Turnerstraße.

    Abb. 9/10: Grundstückspläne des östlichen Bereiches, 1877 und 1882 (Kopien nach Unterlagen des Katasteramtes Hamburg Mitte).

    Glücklicherweise sind die Pläne über den östlichen Teil des Ölmühlenplatzes ein wenig genauer, obgleich auch hier die Informationen zur Höhe und genauen Ausgestaltung der Bebauung eher spärlich sind, so daß ich auf Interpretationen und Erinnerungen von älteren AnwohnerInnen angewiesen bin. Leider konnte ich bisher auch noch nicht gezielt nach Photodokumente der Gebäude aus der Zeit vor 1943/44, d.h. vor ihrer Zerstörung durch die Bombenangriffe der 'Aktion Gomorrha' im 2. Weltkrieg, fahnden.

    Abb. 11: Übersichtskarte, Stand: 1930 (Kopie nach Unterlagen des Katasteramtes Hamburg Mitte).

    In jedem Falle ist davon auszugehen, daß spätestens zur Jahrhundertwende auch der gesamte östliche Platzbereich vollständig bebaut war und daß die Gebäude bis zu ihrer Zerstörung im 2. Weltkrieg eine nahezu geschlossene Blockrandbebauung bildeten. Einzige Ausnahme scheint die Haus-Nr. 23 in der Oelmühle gewesen zu sein, die in der Übersichtskarte von 1930 nicht (mehr) vorhanden ist.

    Die Gebäude reichten in ihrer Mehrzahl offenbar tief in den Innenbereich des Blockes und bildeten i.a. wohl kompakte Baukörper. Anhand des obigen Planes ist u.a. recht gut zu erkennen, daß die Häuserreihe entlang der Marktstraße in sog. 'Schlitzbauweise' angelegt war, die es ermöglichte, sehr tiefe Gebäude zu errichten, bei denen einige Räume -darunter oft die Küche - nur durch schmale Fenster belichtet und belüftet wurden, die zu einem 'Schlitz', d.h. einem schmalen, zu einer Seite offenen Innenhof oder besser Spalt zwischen nebeneinanderliegenden Häusern führten.

    Abb. 12: Übersichtskarte des Jahres 1951 (Kopie nach Unterlagen des Katasteramtes Hamburg Mitte).

    Nach der fast vollständigen Zerstörung der Gebäude auf dem Ölmühlenplatz im 2. Weltkrieg während der schweren Bombenangriffe in den Jahren 1943/44, zu der sicher auch die - selbst für die Verhältnisse des Karolinenviertels - ungewöhnlich dichte Bebauung beigetragen hat, wurde der der Platz zunächst oberflächlich vom Trümmerschutt befreit und entlang der alten Grundstücksgrenzen parzelliert. Aus einem Plan des Jahres 1950, der sich in den Unterlagen der Bauprüfabteilung des Bezirkes Hamburg Mitte befindet, geht nicht eindeutig hervor, ob auf der Fläche Notunterkünfte errichtet worden waren oder ob dies geplant war. Ein Plan des Jahres 1951, der sich im Katasteramt Hamburg Mitte befindet, zeigt nur die Grundstücksgrenzen, jedoch keinerlei Bebauung, sodaß davon auszugehen ist, daß der Platz eine Freifläche bildete. Diese Fläche ist in einem nahezu identischen Plan aus dem Jahre 1956 (!) bereits als Grünflache ausgewiesen! Daneben gab es von den 30er- bis in die 80er-Jahre die verschiedensten anderen Planungsalternativen, die i.a. im Zusammenhang mit großflächigen Projekten zur Umgestaltung des gesamten Karolinen-Viertels standen, wie z.B. eine parkähnliche Großwohnanlage mit mehrstöckigen Klinkergebäuden (um die Mitte der 30er-Jahre), die Abrißpläne zur Messe-Erweiterung in den 60er- und 70er-Jahren bzw. um Platz für einen Autobahn-Zubringer zur Anschlußstelle Bahrenfeld der A7 zu schaffen. Insbesondere diese Abrißpläne schließen nahtlos an die Planungen der 30er-Jahre zum "Plattmachen" des gesamten Viertels an, wobei diese Formulierung durchaus wörtlich zu nehmen ist: Die sog. "Notarbeit 51" aus den Jahren 1934-39 enthält den Vorschlag, zwischen der (heutigen) Budapester Straße und dem Sternschanzenpark eine große Parkanlage zu errichten, die nach Süden und Westen von riesigen Verwaltungs- und Baukomplexen der geplanten "Führerstadt Hamburg" abgegrenzt wird. Zu diesem Zweck sollten die gesamte Bebauung des Karolinenviertels und der Schlachthof natürlich vollständig abgebrochen werden! Diese Maßnahme hätte vollendet, was bereits seit Beginn des 20. Jahrhunderts angestrebt worden war: Beginnend mit dem altstädtischen Gängeviertel, das nach der Cholera-Epedemie des Jahres 1892 der Kontorhaus-City weichen mußte, über das neustädtische Gängeviertel und die Viertel am Baumwall und den Landunngsbrücken, die einer neuen Hafenrand-Bebauung mit einer neuen, monumentalen Skyline zum Opfer fallen sollten, sollt auch das in seiner politischen und sozialen Struktur "unliebsame" Karolinen-Viertel verschwinden.

    Tatsächlich hatten alle genannten Projekte - sowohl diejenigen der demokratisch gewählten wie auch die der nationalsozialistischen (Stadt-)Regierungen - vorwiegend politische Hintergründe und sollten einen - wie es heute heißt - "sozialen Brennpunkt" möglichst unauffällig beseitigen.

    Sie konnten jedoch in den vergangenen nahezu 40 Jahren (!) im Großen ebensowenig umgesetzt werden, wie im Kleinen der Plan für eine öffentliche Grünfläche auf dem Ölmühlenplatz. Stattdessen wurde die Fläche von der Liegenschaft, d.h. indirekt von der Finanzbehörde, im Jahre 1963 "für die Dauer der Bundesgartenschau" (!) dem Bezirk Mitte bzw. der Gartenbauabteilung als provisorischer Parkplatz überlassen. Das Provisorium wurde jedoch innerhalb kurzer Zeit zu einer anerkannten Dauereinrichtung, die offenbar von der Bezirksverwaltung auch gutgeheißen wurde, worauf die regelmäßige Ausbesserung der Schotter- bzw. Kiesdecke des Platzes hindeutet.

    Die Nutzung traf zudem jahrzehntelang auf so große Zustimmung der AutofahrerInnen im Karolinenviertel und sicherlich auch der Messe-, Dom- und sonstigen auswärtigen BesucherInnen, daß erst durch die Initiative einer Gruppe von AnwohnerInnen der "Mißbrauch" dieser Fläche offenkundig wurde:

    Ende Mai 1994 nutzte diese Gruppe zusammen mit anderen EinwohnerInnen des Viertels die Gelegenheit eines Stadtteilfestes, um die weitere Parkplatz-Nutzung durch stabile Absperrungen an den Zufahrten zu unterbinden. Nachdem "Rückeroberungs-Versuche" seitens der AutofahrerInnen abgewehrt werden konnten und auch der Bezirk seine Kooperationsbereitschaft und (finanzielle) Unterstützung für eine neue Gestaltung des Platzes signalisierte, begannen im Herbst 1994 - u.a. im Zusammenhang mit der Fortschreibung des Sanierungskonzeptes für das Karolinen-Viertel - die konkreten Planungen für eine Neugestaltung des Ölmühlenplatze, die seither auch unter Beteiligung interessierter AnwohnerInnen fortgesetzt wurden.

    Hamburg, im August 1995
    Ingolf Goritz

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